Stimmen zum Amoklauf in Winnenden (2)
Tuesday, March 17th, 2009Der ARD Brennpunkt vom Donnerstagabend präsentierte uns zunächst genüßlich den baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech, der noch einmal erklären durfte, Tim K. habe seinen Amoklauf in aller Drastik in einem Online-Forum angekündigt (”mal so richtig gepflegt grillen”). Rechs Darstellung erwies sich bekanntlich gut eine Stunde später als falsch – aber sie passte perfekt zum Tenor der Sendung.
Das Netz sei “nicht nur eine Plattform für potenzielle Täter“, sondern dort sei auch ein “virtueller Wutausbruch” zu beobachten: “Die, die sich dort ihr ganz eigenes Bild vom gestrigen Amoklauf machen, können mit der Debatte um Schuld und Verantwortung wenig anfangen.”
Via: http://carta.info
Im Anschluss daran eine Live-Schaltung zu unserem Reporter vor Ort. Wie grausam war es denn, Herr Kollege? “Oh, es war schrecklich. Hier ein paar weinende Mitschüler, die ich vor die Kamera gezerrt habe. Und hier spreche ich mit geschockten Eltern. Und jetzt ein Straßeninterview mit verschiedenen Anwohnern, die nichts zum Fall sagen können, aber alle sehr betroffen sind.”
Nun ein Besuch unseres Reporters bei einem Lehrer, an dessen Schule vor einigen Jahren ein Amoklauf geschah: “Unser TV-Team hat ihm die schrecklichen Bilder von heute gezeigt. Er war ganz schockiert, dass er diese schlimmen Ereignisse sehen musste. Hier seine Tränen in Großaufnahme.” Oh, wir alle fühlen mit ihm. Schlimm, was er da durchleben musste, während zufällig unser TV-Team bei ihm war. “Danke, das wird ihm bestimmt helfen.”
Jetzt ein kurzes Interview mit einem Experten. Er ist seriös, weil er Hemd und Krawatte trägt und weiße Haare hat. Und weil wir Ihnen sagen, dass er ein Experte ist. Wir haben ihn in der Redaktion auf Kurzwahl, denn er kann knallig formulieren und lebt so richtig auf, wenn wir mit unserer Kamera vorbeikommen.
Herr Experte, was wissen Sie über den Täter? “Eigentlich nichts.” Aber haben Sie eine Vermutung über sein Motiv? “Ja, selbstverständlich ist die Jugendkultur schuld. Der Täter hat mit großer Sicherheit Computerspiele auf seinem PC. Ich fordere schon seit langem, dass Jugendliche wieder Halma spielen, so wie ich damals. Überhaupt, diese vorlaute Jugend von heute. Was die für Frisuren haben, und dann noch diese schreckliche Musik. Die wollen uns alle umbringen, glauben Sie mir.” Danke, Herr Experte, das klingt nach einer nachvollziehbaren Erklärung für die Tat, da muss ich als Journalist nicht mehr nachhaken. “Gern! Und bis zum nächsten Mal!”
Im Anschluss zeigen wir als Sondersendung eine Gesprächsrunde mit fünf alten Herren, die über die gefährliche Jugendkultur diskutieren werden. Danach ein Bericht über Computerspiele und dieses “Internet”, den wir bereits beim letzten und vorletzten Amoklauf gezeigt haben.
Politiker aller Fraktionen haben ihre Verhandlungen über weitere Kürzungen im Bildungswesen unterbrochen, um ihre persönliche, ehrlich empfundene Betroffenheit über die Tat zum Ausdruck zu bringen. Morgen werden bundesweit die Flaggen auf Halbmast stehen. Übermorgen sollen dann im Parlament die unterbrochenen Verhandlungen fortgesetzt werden, um die bereits beschlossenen Mittelkürzungen für den schulpsycholgischen Dienst zu verabschieden.
Der Amokläufer von Winnenden liebte und praktizierte ein Gewaltspiel der übelsten Sorte: Tischtennis. Es hat mit Schlägern zu tun, man muss sein Ziel möglichst genau treffen, und am Ende eines Turniers bleibt nur einer übrig. Sollte man also Tischtennis verbieten? Sollten die Eltern darauf achten, dass die Schläger gut weggeschlossen sind, unerreichbar für Jugendliche?
„Die sollten statt der Waffen lieber das Internet verbieten“, sagt Horst Grafenberger, der amtierende Schützenkönig: „Das mit dem Amoklaufen ist aus Amerika zu uns rübergeschwappt.“ Freilich sei es schlimm, dass der Vater von Tim K. seine Waffe ungesichert mit der Munition in der Wohnung hatte, meint Grafenberger: „Das darf nicht passieren. Aber Waffen gesammelt in Vereinshäusern stehen zu lassen ist auch ein Risiko. Die müssten dann auch besonders bewacht werden .“
Via: http://www.tagesspiegel.de
Das technische Unvermögen der Berichterstatter, das mit der lustigen Vermengung von Begriffen wie „Chatroom“ und „Internet-Forum“ begann (das vermeintliche Beweisstück war die Bearbeitung eines Beitrags aus einem sogenannten Imageboard, wo man Bilder hochladen und sich darüber austauschen kann) und bei der Suche nach Spuren eines Chats auf der Festplatte des Täters (in der Regel werden Chats, wenn überhaupt, auf dem Server gespeichert, über den sie laufen) noch lange nicht endete, ist nur ein Teil der Geschichte. Die berechtigte Frage, die selbstverständlich aufkam, lautet: „Was darf man im Internet eigentlich glauben?“
Das Trash-Portal stern.de, das den Fake aus dem Internet gestern offenbar für glaubwürdig hielt, jammerte heute, im Internet würde man ja eh nur belogen. Gut einen Monat nachdem die Medien zuhauf einen falschen Vornamen des neuen Bundeswirtschaftsministers aus der Wikipedia abgeschrieben hatten, hatte das böse, böse Internet schon wieder ihre Arbeit diskreditiert – wenn auch diesmal über Bande und unter tatkräftiger Unterstützung von Ermittlungsbehörden und Politik.
Der Amokläufer von Winnenden hat heute 15 Menschen getötet. Heute starben außerdem ungefähr:
14 Menschen durch Verkehrsunfälle
26 Menschen durch Selbstmord
117 Menschen durch Krankheiten des Verdauungssystems
150 Menschen durch Krankheiten des Atmungssystems
579 Menschen an Krebs
983 Menschen durch Krankheiten des Kreislaufsystems
wie jeden Tag (Durchschnittswerte basierend auf 2006, nach Bundesamt für Statisitk) ”
Via: http://direkteaktion.over-blog.de
Am Donnerstagabend gab die Polizei zu, doch keine Chatprotokolle auf Tim K.s beschlagnahmten Computer gefunden zu haben.
Via: http://www.stern.de
Schülern wurde gegen Cash diktiert, was sie vor laufender Kamera sagen sollten. Auch der Satz “Tim wurde von seinen Mitschülern gemobbt”, soll gekaufte Filmware gewesen sein. Andere Schüler wurden, ebenfalls gegen ein Entgeld von 20 bis 100 Euro, gebeten, Blumen oder Kerzen abzulegen und sich dann weinend zu umarmen.”
Via: http://www.wuv.de
Politiker beuten den Amoklauf aus! Medien vergessen jede Ethik, amoktwittern, provozieren neue Gewalttaten geradezu! Die Polizei und der Innenminister haben falsch informiert, gelogen! Die Waffenlobby tut unschuldig, wo man doch weiß, was das für gun nuts sind! Das Publikum ist sensationsgeil: seht nur die Einschaltquoten und Auflagenzahlen! Spiele-Fans haben den Blick für die Realität verloren, attackieren alle, die auch nur Gewaltspiele erwähnen! Die Spießer der Nation wollen mit dieser Tragödie das Rat der Zeit zurückdrehen!
